Bevölkerungsvorausberechnungen für Hamburg

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1 Einleitung

Die Bevölkerungsentwicklung ist eine Schlüsselgröße für Planer und Entscheider in Politik, Wirtschaft und Verwaltung. So stützen sich langfristige Entscheidungen, z.B. für den Ausbau der Infrastruktur oder Investitionen auf dem Häusermarkt einer Stadt wie Hamburg nicht zuletzt auf Annahmen zur künftigen Zahl der Bewohner. Gleichzeitig üben einige dieser Entscheidungen, z.B. der Bau neuer Wohnungen, selbst Einfluss auf die Bevölkerungsentwicklung in der Stadt aus.
Aufgrund der komplexen Einflussfaktoren und Wechselwirkungen lassen sich regionale Bevölkerungszahlen kaum verlässlich für die lange Frist prognostizieren. Stattdessen werden in den für Regionen angestellten Bevölkerungsvorausberechnungen demografische Trends identifiziert und fortgeschrieben und die komplexen Wechselwirkungen nicht explizit modelliert. Diese Berechnungen liefern damit zwar kein vollständiges Bild, aber beinhalten immerhin wichtige Komponenten der künftigen Entwicklung und tragen in erheblichem Maße zur Erwartungsbildung bei. Welche Berechnungen gibt es für Hamburg? Und wie unterscheiden sie sich?

2 Ergebnisse und methodische Unterschiede der Vorausberechnungen

Für Hamburg sind Bevölkerungsvorausberechnungen des Bundesamts für Bauwesen und Raumplanung (BBSR (2015)), der Bertelsmann-Stiftung (Bertelsmann (2015)) und des Statischen Bundesamtes (Statistisches Bundesamt (2015)) verfügbar. Das Statistische Bundesamt berechnet in seiner nunmehr 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung sogar mehrere Varianten, wobei hier die Standardvarianten W1 und W2 dargestellt werden.
Alle vorgestellten Berechnungen gehen von deutlichen Bevölkerungszuwächsen in Hamburg in den kommenden 10 Jahren aus. Während der Bevölkerungsanstieg sich in den meisten Berechnungen von 2025 bis 2030 dann allmählich abschwächt, sinkt die Bevölkerungszahl in der Berechnung des BBSR sogar wieder (und nimmt auch in den Folgejahren deutlich ab). Im Jahr 2030 kommen die Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung auf eine Bevölkerungszahl von 1,86 Mio., die Variante W2 des Statistischen Bundesamtes auf 1,88 Mio., in der Variante W1 auf 1,84 Mio. und der BBSR auf knapp 1,83 Mio.. Damit ergibt sich eine Spannbreite der Vorausberechnungen im Jahr 2030 von rund 55 Tausend Einwohnern.

Methodisch setzen sich alle für Hamburg bestehenden Vorausberechnungen aus einem Teilmodell zur Erfassung der natürlichen Bevölkerungsbewegungen (also Geburten und Sterbefälle) und einem Teilmodell zur Prognose der Wanderungsbewegungen zusammen.
Die Vorausberechnungen sind sich dabei relativ ähnlich hinsichtlich der getroffenen Annahmen zu Geburten- und Sterbefällen. So wird unterstellt, dass Frauen im Mittel 1,4 Kinder gebären und die Mutter bei Erstgeburt ein Alter von 30 bis 32 hat. Die Ermittlung der Sterbefälle stützt sich auf sogenannte Sterbetafeln, die die Lebenserwartungen einzelner Geburtsjahrgänge enthalten. Ausgehend vom demografischen Profil eines Basisjahres können dann die natürlichen Bevölkerungsbewegungen der Folgejahre berechnet werden (vgl. hierzu auch Statistisches Bundesamt (2011)).
Größere und für die Ergebnisse bedeutsamere Differenzen gibt es aber bei der Modellierung des Wanderungsverhaltens. Bei der Prognose der Binnenwanderung stützt sich das Verfahren des BBSR auf die Jahre seit der Jahrtausendwende und schreibt deren Muster in die Zukunft fort. Die Bevölkerungsvorausrechnung des Statistischen Bundesamtes geht davon aus, dass der Anteil der Landesbevölkerung, der in andere Bundesländer fortzieht, bis zum Jahr 2025 dem Niveau der Jahre 2011 bis 2013 entspricht. Danach nimmt Anteil der wandernden Bevölkerung bis 2039 kontinuierlich ab. Ab dem Jahr 2040 findet in dieser Modellrechnung keine Binnenwanderung mehr statt. In der Berechnung der Bertelsmann-Stiftung werden die durchschnittlichen, geburtsjahrgangs- und geschlechtsspezifischen Zu- und Fortzugsraten der Jahre 2009 bis 2012 unterstellt.
Bei der Außenwanderung wird das Wanderungsverhalten häufig zu stark durch singuläre Ereignisse geprägt, so dass vergangene Entwicklungen oder Trends nicht verlässlich in die Zukunft fortgeschrieben werden können. Daher werden für die künftige Außenwanderung technische Annahmen getroffen. Dabei gehen die Modelle des BBSR, Bertelsmanns und die Variante W2 des Statistischen Bundesamtes davon aus, dass die Nettozuwanderung in Deutschland ab 2020 bei durchschnittlich 200.000 Personen pro Jahr liegen wird. Die Variante W1 des Statistischen Bundesamtes geht hingegen nur von 100.000 Personen per Saldo aus. Die relativ starke Nettozuwanderung nach Deutschland der letzten Jahre konnte in allen Modellen lediglich in begrenztem Umfang berücksichtigt werden. Gleichwohl liegt die unterstellte jährliche Nettozuwanderung von 200.000 Personen nicht unweit vom statistischen Mittel der vergangenen zwei Jahrzehnte und ist somit als realistisch einzuschätzen.

Bevölkerungsentwicklung in Hamburg_KB | amCharts

Quellen: Bertelsmann-Stiftung (2015); BBSR (2015); Statistisches Bundesamt (2015).

3 Möglichkeiten und Grenzen der Bevölkerungsvorausberechnung

Die aufgezeigte Spannbreite der Bevölkerungsvorausberechnungen resultiert vor allem aus den z.T. sehr unterschiedlichen Modellierungen des Wanderungsverhalten. Geburten und Sterbefälle können vergleichsweise präzise vorausberechnet werden und unterscheiden sich daher weniger stark in allen Vorausberechnungen.
Grundsätzlich sind Binnenwanderung und Außenwanderung schwer zu prognostizieren. Dies liegt daran, dass das Binnenwanderungsverhalten im Zeitverlauf - insbesondere auf kleinräumiger Ebene (z.B. auf Kreisebene) - sehr instabil ist bzw. von einer Vielzahl von Einflussgrößen und Wechselwirkungen abhängt. Bei der Außenwanderung spielen zudem politische Ereignisse wie Gesetzesänderungen oder geopolitische Konflikte eine wichtige Rolle, die in aller Regel nicht vorhersehbar oder im Hinblick auf die daraus folgenden Wanderungsbewegungen schwer quantifizierbar sind. Dies führt zu erheblichen Prognoserisiken. Ein illustratives Beispiel hierfür bildet eine Vorausberechnung aus dem Jahr 1988 für Hamburg, die den überraschenden Fall des Ostblocks und die deutsche Vereinigung nicht berücksichtigen konnte und die Hamburger Bevölkerung im Jahr 2010 bei 1,3 Mio. Personen, 2020 sogar nur bei 1,2 Mio. verortete. Gegenwärtig sprechen die Zahlen eher dafür, dass die Bevölkerungszahl 2020 mehr als 50% über dem 1988 berechneten Wert liegen wird (vgl. hierzu Statistisches Landesamt 1988).
Dieser Unsicherheit begegnen die Demografen damit, dass Sie lediglich Vorausberechnungen, also Modellberechnungen, mit klar definierten Annahmen treffen und darauf basierend eine nachvollziehbare Berechnung durchführen. Zu den Stärken dieses Verfahrens zählt, dass mit der transparenten Methode eine Diskussionsgrundlage geschaffen wird, die für die getroffenen Annahmen nachvollziehbare Ergebnisse liefert. Eine Schwäche des Verfahrens ist hingegen, dass dabei teilweise eine Stabilität von Trends und Entwicklungen angenommen wird, die gerade vor dem Hintergrund regionaler wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Wechselwirkungen unwahrscheinlich ist. Dies soll am Beispiel Hamburgs kurz illustriert werden: Hamburgs Bevölkerungswachstum der letzten Jahre speist sich vor allem aus Wanderungsgewinnen mit weiter entfernten Kreisen und Städten in Deutschland sowie dem Zuzug aus dem Ausland. Betrachtet man hingegen nur die direkt anliegenden Kreise, so weist Hamburg einen negativen Wanderungssaldo mit diesen auf. Ein Grund hierfür ist, dass vor allem Familien aus Hamburg ins Hamburger Umland ziehen, wo in zahlreichen Lagen die Immobilienpreise erschwinglicher als in der Hansestadt sind. Angenommen die Hamburger Bevölkerung schrumpfte aber langfristig (sowie in der BBSR-Vorausberechnung für die zweite Hälfte der 2020er-Jahre berechnet), dann würden dadurch tendenziell weniger Wohnungen nachgefragt und - bei gegebenem Angebot - die Immobilienpreise tendenziell sinken. Gerade dies dürfte aber der bisher beobachteten Abwanderung ins Umland entgegenwirken bzw. zu einem veränderten Binnenwanderungsverhalten führen, das einer Fortschreibung bisheriger Trends entgegenlaufen würde. Aus diesem Grunde sind Bevölkerungsrückgänge in Hamburg, zumindest so wie in der BBSR-Prognose ab 2027 berechnet, mit Fragezeichen zu versehen.

4 Quellen

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